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Digitale Zwillinge in kleinen und mittleren Unternehmen

In der heutigen Zeit, in der die Digitalisierungsstrategie eines Unternehmens sowie die konsequente Ausrichtung von Produkten und Dienstleistungen an den Kundenbedürfnissen zu erheblichen Wettbewerbsvorteilen führen können, eröffnet die Industrie 4.0 eine Vielzahl neuer Möglichkeiten. Dabei gewinnen digitale Technologien als strategischer Faktor zunehmend an Relevanz.

Sie ermöglichen es, Prozesse effizienter zu gestalten, die Transparenz zu erhöhen und auf unterschiedliche Marktanforderungen flexibel zu reagieren1.

Eine besonders relevante Technologie in diesem Kontext stellen Digitale Zwillinge (englisch „Digital Twin“) dar. Sie bietet mehrere Anwendungsmöglichkeiten, die auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) von entscheidender Bedeutung sein können. Effizienzsteigerungen und fundiertere Entscheidungsprozesse, die durch den Einsatz Digitaler Zwillinge unterstützt werden, führen zu ökonomischen Vorteilen und tragen zugleich zur Erfüllung ökologischer Anforderungen bei, die in letzter Zeit deutlich an Relevanz gewonnen haben2.


Die drei Ausprägungsformen des Digitalen Zwillings

Ein Digitaler Zwilling entsteht durch die digitale Abbildung eines realen Produktes oder Prozesses entlang des gesamten Lebenszyklus. Durch die permanente Abbildung können Unternehmen die gesammelten Daten für Optimierungs- und Analysezwecke nutzen3,4.

Es wird zwischen drei Ausprägungsformen des Digitalen Zwillings differenziert, welche dazu dienen, die unterschiedlichen Phasen des Produktlebenszyklus zu unterstützen5:

  • Digital Master,
  • Digital Manufacturing Twin und

  • Digital Instance Twin.

Diese schaffen gemeinsam eine durchgängige digitale Struktur von der Produktidee bis zum Betrieb. Abbildung 1 liefert einen Überblick über die drei Ausprägungsformen des digitalen Zwillings entlang des Produktlebenszyklus inklusive der jeweiligen, potenziellen Einsatzgebiete.

Grafik: drei Ausprägungsformen des Digitaler Zwillinge

Abbildung 1: Digitale Zwillinge in drei Ausprägungsformen (Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Stjepandić et al. 2021)


Digital Master

Der Digital Master bildet die digitale Grundlage eines Produkts in der Phase der Produktdefinition und der Produktentwicklung. Er stellt ein abstraktes Grundmodell dar, welches die elementaren Eigenschaften, Strukturen und Funktionen eines Produkts beschreibt. Dadurch können die herkömmlichen dokumentbasierten Ansätze für die Entwicklung neuer komplexer Produkte ersetzt werden. Alle relevanten Konstruktions-, Funktions- und Materialinformationen sind in diesem Grundmodell enthalten5.

In dieser Ausprägung des digitalen Zwillings können digitale Mock-ups (DMU), also virtuelle dreidimensionale Produktmodelle, CAD-Modelle sowie simulationsbasierte Analysen genutzt werden, um Produktdesignvarianten virtuell zu testen, zu kalibrieren und zu optimieren. Physikalische Tests können dadurch teilweise ersetzt oder ergänzt werden. Der Digital Master ermöglicht es, Fehler frühzeitig zu erkennen und Designentscheidungen datenbasiert, also nicht auf der Grundlage von empirischen Erfahrungen oder Annahmen, zu treffen. Gleichzeitig bietet er großes Potenzial, Nachhaltigkeitsaspekte wie Ressourceneffizienz oder Recyclingfähigkeit bereits in der Entwicklungsphase zu berücksichtigen5.

Nutzen des Digital Masters für KMU

Vorlage

KMU profitieren vom Digital Master durch die Verkürzung von Produktentwicklungszeiten und die Minderung von Fehlentwicklungen. Unter dem Gesichtspunkt der Reduzierung der Investitionskosten, die für KMU einen entscheidenden Faktor darstellen, spielt der Digital Master eine wichtige Rolle. Physische Prototypen können teilweise ersetzt oder reduziert werden, wodurch sowohl Entwicklungs- und Materialkosten gesenkt als auch eine nachhaltige Produktentwicklung unterstützt werden kann6,7.


Digital Manufacturing Twin

Auf Basis der Ergebnisse des Digital Masters beschreibt der Digital Manufacturing Twin für die Produktionsphase, wie ein Produkt hergestellt wird und verknüpft Produktdaten mit Produktions- und Logistikinformationen. Der Digital Manufacturing Twin ist ein hochpräzises virtuelles Modell des physischen Fertigungsprozesses für das bereits entworfene Produkt. Dabei werden Fabriken, Anlagen, Prozesse und Materialflüsse digital abgebildet. Auf diese Weise können reale Bedingungen simuliert werden, bevor das physische System hergestellt wird. Verschiedene Einsatzszenarien und Betriebsbedingungen können dadurch kostengünstig in der Software evaluiert und optimiert werden5.

Der Einsatz des digitalen Zwillings ermöglicht es, dass bei der Herstellung des Produktes Energieverbrauch, Ausschuss und Fehlplanungen reduziert und damit Ressourcenschonung realisiert werden. Er unterstützt auch die Abbildung flexibler Produktionskonzepte, wie beispielsweise unterschiedliche Losgrößen bis hin zu Größe eins. Durch die Rückkopplung von Daten aus realen Fertigungsprozessen kann dieser Zwilling kontinuierlich aktualisiert werden, um die Effizienz der Produktion zu steigern5.

Nutzen des Digital Masters für KMU

Produktion

KMU, die mit Herausforderungen konfrontiert sind, wie mangelnder Transparenz in Produktionsprozessen, hohen Rüstkosten und kleinen Losgrößen für individuelle Kundenwünsche sowie steigenden Nachhaltigkeitsanforderungen, können durch den Digital Manufacturing Twin unterstützt werden. Mögliche Vorteile, die durch seinen Einsatz erzielt werden können, sind beispielsweise schnelle Fehlererkennung, reduzierte Durchlaufzeiten, die wirtschaftliche Fertigung von kleinen Serien und die Reduzierung der CO2-Emissionen6.  


Digital Instance Twin

Ein Digital Instance Twin ist der digitale Zwilling eines einzelnen, real existierenden Objekts – mit all seinen individuellen Daten und seinem aktuellen Zustand und wird dann eingesetzt, wenn ein physisches Produkt – beispielsweise eine Maschine – bereits produziert ist. In der Phase der Nutzung und des Betriebs dieses Produktes wird er kontinuierlich mit Echtzeitdaten aus Sensoren und Steuerungssystemen versorgt, die den aktuellen Zustand und das individuelle Nutzungsverhalten abbilden und entlang der gesamten Lebensdauer des Produktes gespeichert werden. Auf dieser Grundlage sind Zustandsüberwachung, Echtzeitanalysen, Prozessoptimierung und vorausschauende Wartung möglich. Wartungs- und Serviceprozesse können gezielt geplant und ungeplante Ausfälle reduziert werden5.

Darüber hinaus unterstützt der Digital Instance Twin die Fernwartung sowie den Einsatz von Virtual- oder Augmented-Reality-Anwendungen. Die im Betrieb gewonnenen Daten ermöglichen eine kontinuierliche Verbesserung der Produkte und Prozesse5.

Nutzen des Digital Masters für KMU

Produkt

Die kontinuierliche Datenerfassung während des Betriebs ermöglicht es KMU, Erkenntnisse hinsichtlich Leistungsfähigkeit, Verschleiß und Optimierungspotenzialen zu gewinnen. Daraus ergeben sich mögliche realisierbare Vorteile, wie die Reduzierung ungeplanter Stillstände, die Optimierung von Wartungsintervallen und die Entwicklung neuer datenbasierter Serviceangebote8.

Digitale Zwillinge in kleinen und mittleren Unternehmen

Autor

Jason Hilarius

Lasse Ladewig
mittelstand-digital@tuhh.de

Quellen

[1] ​Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2013): Kagermann, H.; Wahlster, W.; Helbig, J.: Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0.

[2] ​Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA. (o. J.). Digitaler Zwilling. Abgerufen am 22. Februar 2026 von https://www.ipa.fraunhofer.de/de/loesungen/digitalisierung-und-ki/data-engineering-und-analytics/digitaler-zwilling.html

[3] ​Bergs, T. (2020). Internet of Production – Turning Data into Value. Fraunhofer-Publica (Fraunhofer-Gesellschaft). https://doi.org/10.24406/ipt-n-589615

[4] ​Klostermeier, R., Haag, S. & Benlian, A. (2019). Geschäftsmodelle digitaler Zwillinge: HMD Best Paper Award 2018. Springer Vieweg.

[5] ​Stjepandić, J., Sommer, M. & Denkena, B. (2021). DigiTwin: An Approach for Production Process Optimization in a Built Environment. Springer.

[6] ​Soori, M., Arezoo, B. & Dastres, R. (2023). Digital twin for smart manufacturing, A review. Sustainable Manufacturing And Service Economics, 2, 100017. https://doi.org/10.1016/j.smse.2023.100017

[7] ​Argolini, R., Bonalumi, F., Deichmann, J., & Pellegrinelli, S. (2023). Digital twins: The key to smart product development. McKinsey & Company. Abgerufen am 02. März 2026 von https://www.mckinsey.com/industries/industrials/our-insights/digital-twins-the-key-to-smart-product-development

[8] ​Lu, Y., Liu, C., Wang, K. I., Huang, H. & Xu, X. (2019). Digital Twin-driven smart manufacturing: Connotation, reference model, applications and research issues. Robotics And Computer-Integrated Manufacturing, 61, 101837. https://doi.org/10.1016/j.rcim.2019.101837


Fazit

Digitale Zwillinge sind eine zentrale Technologie im Kontext von Industrie 4.0 und ermöglichen die digitale Abbildung von Produkten und Prozessen über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Die drei Ausprägungsformen Digital Master, Digital Manufacturing Twin und Digital Instance Twin verdeutlichen ihren ganzheitlichen Charakter. Auch für KMU bieten digitale Zwillinge erhebliche Potenziale zur Steigerung von Effizienz, Transparenz und Entscheidungsqualität. Gleichzeitig unterstützen sie eine nachhaltige Ausrichtung, indem sie den Ressourceneinsatz optimieren und die Lebensdauer von Produkten verlängern. Damit leisten digitale Zwillinge einen wichtigen Beitrag zur digitalen und nachhaltigen Transformation von Unternehmen.

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